Bürger von Aquileia
In seinem Dialog 'Eupalinos' entwirft Valery eine Urszene der abendländischen Kultur. Der junge Sokrates geht am Meer spazieren und findet ein rätselhaftes Gebilde. Schon das Material ist nicht bestimmbar. Es könnte aus Stein oder Muschelkalk sein, aus Elfenbein oder einem Fischknochen. Sokrates erkennt: Es besteht aus dem Stoff, der der Stoff für Zweifel ist. Und worüber vor allem bleibt er im Zweifel? Es ist nicht entscheidbar, ob es sich bei dem Fundstück um ein Werk der Natur oder ein Werk des Menschen handelt. Die Episode stellt also die Frage nach dem Verhältnis von natürlicher und technischer Entstehung. Ein Werk der Natur ist, was das Prinzip seines Seins in sich selbst hat; und ein Werk des Menschen ist, was dieses Prinzip außerhalb seiner selbst hat. Das Fundstück jedoch erweist sich als das zweideutigste Ding der Welt. Es ist nicht bestimmbar, wer sein Urheber ist, und deshalb erregt es das Mißfallen des jungen Sokrates. Er liebt das Klare und Distinkte. Er will eine eindeutige Zuordnung von allgemeiner Definition und Einzelnem. Und so nimmt Sokrates das ambivalente Fundstück und wirft es zurück ins Meer. Dieser Wurf entscheidet zugleich über seinen Lebensentwurf: Sokrates wird Philosoph und nicht Künstler.

Wie der junge Sokrates liebt Ulrich Bruns Spaziergänge am Meer. Stellen wir uns vor, er ginge an eben jenem Strand spazieren und das Meer spülte nach Jahrhunderten jenes rätselhafte Objekt erneut an Land. Ulrich Bruns würde - da bin ich mir ganz sicher - nicht wie der junge Sokrates handeln. Er würde das Fundstück aufbewahren und daraus einen Schaukasten oder ein Objekt machen. Wenn Sie wissen wollen, wie sein Werk aussehen könnte, brauchen Sie sich hier nur umzuschauen. So werden Sie z.B. immer wieder auf Steine von außergewöhnlicher Form und Oberflächenstruktur stoßen (etwa bei den 'Bürgern von Aquileia'). Der besondere Reiz dieser Steine liegt gerade in ihrer Ambivalenz: Sie sind natürliche Objekte, aber sie sehen aus, als seien sie absichtsvoll gestaltet worden. Eben das qualifiziert sie zum Kunstobjekt, denn das Kunstwerk soll zwischen Natur und Technik vermitteln. Es wird zwar technisch hergestellt, soll aber gleichwohl aussehen wie Natur. Dies ist nicht mehr der philosophische Blick des Sokrates; dies ist die ästhetische Sicht der Dinge, wie sie sich in der Neuzeit entwickelt hat. Auch für sie gibt es einen Urmythos: Die Natur ist eine schöpferische Künstlerin, und der Künstler ist nur ihr Geburtshelfer. In klassischer Formulierung: Im Genie gibt die Natur der Kunst die Regel.

Nach wie vor geht Ulrich Bruns gerne am Wasser spazieren. Doch inzwischen führen ihn seine Wege
auch in weniger idyllische Gegenden, etwa zum Weseler Rheinhafen. An solchen Orten fallen einem ganz andere Fundstücke ins Auge: rostende Stahlteile, verrottende Eisenbahnschwellen oder zerbeulte Blechdosen. Werden diese Fundstücke in den Rang von Kunstwerken erhoben, ist es um die sinnfällige Einheit von Natur und Technik geschehen. Nun erscheint die Natur nicht mehr wie eine Künstlerin. Was technisch gestaltet worden ist, wird von der Natur wieder entstaltet. Sie holt sich durch Zerfallsprozesse das zurück, was ihr als Werk des Menschen abgerungen worden ist. Für die Kunst bedeutet dies, daß ihr Ort zwischen Natur und Technik prekär geworden ist. Die Moderne beginnt deshalb mit einem anderen Mythos: dem vom sentimentalischen Künstler, der unwiederbringlich aus der Natur herausgefallen ist. Zwar sehnt er sich zurück zur Natur, aber er weiß doch - und dies gehört zu seiner Modernität - , daß dieses Verlangen hier und heute nicht mehr befriedigt werden kann.

Welchen Weg also soll der Gegenwartskünstler unter diesen Umständen einschlagen? Für Ulrich Bruns jedenfalls führte er in letzter Zeit immer häufiger in Bronzegießereien. Dort läßt er Steine, die er einmal am Strand gefunden hat, als Bronzeskulpturen gießen. Damit kehrt er zwar nicht zurück zur Natur, wohl aber zu den Anfängen der Kunst. In den antiken Mythen lesen wir von den ersten Künstlern. Sie hießen Daidalos und Hephaistos und waren zugleich begnadete Techniker. Aus ihnen wurde bekanntlich der Homo faber unserer Zeit, und in ihnen dürfen daher Künstler und Techniker ihre gemeinsamen Ahnherren erblicken. Gegen die Bronzegüsse von Ulrich Bruns würde deshalb auch der junge Sokrates keine Einwände erheben. Nicht nur weil er selbst sich als Nachkomme des Daidalos bezeichnet hat, sondern vor allem, weil der Bronzeguß den theoretischen Status der Objekte klärt. Sobald Kunst zur ästhetischen Technik geworden ist, läßt sie sich auch eindeutig definieren: Dann ist Technik die übergeordnete Gattung und ästhetische Qualität die spezifische Differenz.

Allerdings hat diese kategoriale Einordnung, in der die mythische Kunstbegründung einer theoretischen und praktischen Rationalisierung weicht, auch ihren Preis. Wir alle wissen, was ein uralter Künstler - er dort oben - uns ins Stammbuch geschrieben hat: Wer einmal vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, der hat seine Unschuld für immer verloren. Ganz stimmt dies jedoch nicht im Fall von Ulrich Bruns. Solange er auch weiterhin am Meer spazierengeht und Steine sammelt, wird man über ihn sagen dürfen: Zwar hat er vom Baum der Erkenntnis gegessen, aber seine Unschuld hat er trotzdem nicht völlig verloren.